SZ 09.10.2026
14:36 Uhr

(+) Oslo: Südafrikanerin Navi Pillay erhält Friedensnobelpreis


Die Jury würdigt die Juristin für ihren Einsatz um die Förderung des Friedens und des Völkerrechts – und versteht die Auszeichnung zugleich als Botschaft an all jene, die versuchen, das Völkerrecht zu untergraben.

(+) Oslo: Südafrikanerin Navi Pillay erhält Friedensnobelpreis

Der Friedensnobelpreis geht in diesem Jahr an die südafrikanische Juristin Navanethem „Navi“ Pillay. Sie werde „für ihre Bemühungen um die Förderung des Friedens und des Völkerrechts“ ausgezeichnet, sagte der Vorsitzende des Nobelkomitees, Jørgen Watne Frydnes, am Freitag in Oslo. Pillay habe maßgeblich dazu beigetragen, dass Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord strafrechtlich verfolgt werden. Frydnes nannte Pillay eine der wichtigsten Rechtsexpertinnen weltweit.

Zugleich will die Jury die Auszeichnung offenkundig als mehr verstanden wissen als die Würdigung eines außergewöhnlichen persönlichen Engagements: „Das ist definitiv eine Botschaft an all jene, die dieses System, seine Regeln und seine Institutionen attackieren und untergraben“, sagte Frydnes auf Nachfrage einer Journalistin.

Er hatte zuvor zur Begründung der Preisvergabe betont: „Das System des Völkerrechts steht unter enormem Druck, und seine Institutionen werden angegriffen.“ Zu beobachten sei eine Entwicklung hin zu einer Machtpolitik auf Kosten rechtlicher Rahmenbedingungen und des weltweiten Respekts für Recht und Gerechtigkeit. „Wann immer Macht vor Recht geht, untergräbt dies Stabilität, Vertrauen und ein friedliches Zusammenleben.“ Das dürfte, kaum verhohlen, an Staatschefs wie Wladimir Putin oder Benjamin Netanjahu und Donald Trump gerichtet sein – auch wenn Frydnes keine Namen nannte.

Pillay habe während ihrer Laufbahn staatliche Stellen und Staatschefs zur Rechenschaft gezogen, Opfern von Gewalt und Konflikten Hoffnung gegeben und in ihrer langen Karriere einen klaren moralischen Kompass bewiesen. Ein „roter Faden“, ziehe sich durch Pillays Laufbahn – von der Verteidigung des südafrikanischen Freiheitskämpfers Nelson Mandela bis hin zu ihrer Tätigkeit als Richterin in internationalen Gerichtsverfahren. Pillay habe den Geltungsbereich und die Tragweite des Völkerrechts „erheblich erweitert“.

Das Völkerrecht und seine Institutionen seien der Grundstein für eine friedlichere Welt, betonte Frydnes im Name des Preiskomitees: „Daher hoffen wir natürlich, dass der Preis die Institutionen und weitere Einzelpersonen stärken wird – nicht ausschließlich Navi Pillay, aber insbesondere sie.“

Die 85 Jahre alte Südafrikanerin war von 1995 an Richterin am Obersten Gerichtshof ihres Landes, später war sie am Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda und am Internationalen Strafgerichtshof eingesetzt. Sie amtierte als Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte und leitete die Unabhängige Internationale Untersuchungskommission der UN zu den besetzten palästinensischen Gebieten. Im September 2025 warf die Kommission in einem Bericht Israel Völkermord im Gazastreifen vor. Israel wies das als „skandalös“ zurück.

Pillay selbst war von ihrer Auszeichnung überrascht. Das Nobelkomitee hatte die Preisträgerin vorab nicht erreichen können. So dass Frydnes folgenden Appell an die Preisträgerin richtete: „Wenn du eine norwegische Nummer anrufen siehst, geh bitte dran, wir würden liebend gerne mit dir sprechen.“ Pillays Reaktion als sie wenig später von der Auszeichnung erfuhr? „Das muss ein Witz sein!“ Die Auszeichnung der Juristin gilt als Überraschung – ihr Name war zuvor auf keiner Kandidatenliste der einschlägigen Wettplattformen aufgetaucht.

Das UN-Menschenrechtsbüro begrüßte die Entscheidung der Jury und würdigte Pillays langjährigen Einsatz. Dies sei eine großartige Nachricht.  Auch die deutsche Bundesregierung gratulierte der Juristin. Ihr Lebenswerk verdiene höchste Anerkennung. Pillay habe „über Jahrzehnte hinweg mit großem persönlichem Engagement und beeindruckender Beharrlichkeit für Menschenrechte, Gerechtigkeit und Durchsetzung des Völkerrechts gekämpft“, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer. Deutschland stehe „fest zum Völkerrecht und zur internationalen Gerichtsbarkeit“ und gehöre zu den wichtigsten Unterstützern des internationalen Strafgerichtshofs. Das israelische Außenministerium verurteilte hingegen die Preisvergabe. Sie sei „die groteske Instrumentalisierung einer Auszeichnung, um antiisraelischen Hass und Vorurteile zu legitimieren“, hieß es in einer Erklärung.

Im vergangenen Jahr hatte die venezolanische Oppositionsführerin María Corina Machado den Preis erhalten. Sie hatte ihre Auszeichnung US-Präsident Donald Trump gewidmet – der sich immer wieder selbst für den Preis ins Spiel gebracht hatte – und ihm ihre Medaille geschenkt. Ein symbolischer Akt, offiziell weitergegeben werden kann der Preis laut der Regeln des Komitees nicht. Dotiert ist der Friedensnobelpreis mit zwölf Millionen schwedischen Kronen, umgerechnet etwas mehr als eine Million Euro. Offiziell überreicht wird der Friedensnobelpreis am 10. Dezember in Oslo.

Der erste Kanzler der Bundesrepublik wurde mehrfach für die Auszeichnung nominiert – aber ging jedes Mal leer aus. Ein bislang wenig beachtetes Dokument zeichnet ein überraschend ambivalentes Bild des Politikers.

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